“Frauen und Kleider – was wir tragen, was wir sind” (Buchbesprechung)

Letzte Woche war ich in der wunderbaren Kunstbuchabteilung des Georg Büchner Buchladens  in der Wörtherstraße und wollte mir das Buch “How to be Parisian” mal ansehen, von dem gerade alle sprechen. Die Buchhändlerin meinte, das sei doch ganz schön oberflächlich, sie hätte aber einen echten Tipp für mich und drückte mir das in die Hand:

“Frauen und Kleider” von Leanne Shampton, Sheila Heti, Heidi Julavits und 561 Weiteren ( 24,99  €, ISBN: 978-3-10-002242-4)

Ich las kurz hinein, sah das schöne Cover und nahm es spontan mit. Das war quasi Liebe auf den ersten Blick! Zuhause wollte ich  eigentlich nur mal kurz hinein lesen und… konnte nicht mehr aufhören.

Dieses Buch ist eine Mischung aus Kunstprojekt und Journalismus, das die drei Schriftsteller-Kolleginnen Leanne Shampton, Sheila Heti und Heidi Julavits aus einer per Email entwickelten Idee kreierten. Sie interviewten mittels eines langen Fragenkatalogs 561 Frauen mit ganz unterschiedlichen Lebenshintergründen und  stellten ihnen Fragen wie “Wann fühlst du dich am attraktivsten?” oder “Verfolgst du mit der Art und Weise, wie du dich anziehst, ein politisches Ziel?” oder baten sie zum Beispiel, Fotos ihrer Mütter einzuschicken aus der Zeit, bevor diese Kinder hatten, und zu beschreiben, was sie darauf sehen.

Dabei interessierte sie weniger, was jemand trägt, als warum. Also die Geschichte hinter diesem abgetragenen Kapuzenanorak oder jenem rosafarbenen Portemonnaie von Marc Jacobs. Denn natürlich ist Kleidung mehr als Mode, erzählt der Kauf von teuren Stiefeln, die dann nie getragen wurden, viel mehr und ganz andere Dinge über ihre Käuferin als nur, dass sie ihr eben mal eine Minute lang gefielen. Um Frauen zu erreichen, die nicht in Großstädten leben oder keinen Computer besitzen, begannen sie, Kärtchen mit der Bitte um Antwort zu bedrucken, sie an Fremde etwa auf Flughäfen zu verteilen.

Das Ergebnis ist eine Art Schatzkiste voller Essays, Interviews und Fotos. Außerdem hat Leanne Shampton die Zeichnungen zu dem Band beigetragen, denn viel länger, als dass sie hinreißende Bücher schreibt, ist Shapton Illustratorin. Gleich für ihr erstes, großteils aus Wasserfarben-Skizzen bestehendes Buch “Was She Pretty?” wurde ihr 2007 ein kanadischer Comic-Award verliehen.

Das Buch erzählt mehr über Frauen, wie sie sich kleiden und warum, als jede soziologische Abhandlung. Da gibt es Fotocollagen von Sammlungen scheinbar identischer schwarzer Unterhosen, von den diversen OP-Kitteln einer Ärztin, von Ersatzknöpfen und Jeansjacken, Erinnerungen an verlorene Lieblingsstücke – eine Vermessung der Welt, die ihren Ausgangspunkt in den Kleiderschränken, an den Körpern und in den Herzen Hunderter ganz normaler Frauen hat.

Leanne Shaptons eigene Garderobe findet sich ebenfalls in ihrem Buch: ihre Sammlung weißer Hosen oder die Geschichte eines Isabel-Marant-Kleides, das sie an einer anderen Frau sah und nachkaufte, nur um dann von einem schlechten Kopisten-Gewissen geplagt zu werden. Es gibt auch eine Landkarte ihrer auf dem Zimmerboden verteilten Kleidungsstücke, als sie einmal versuchte, das richtige Outfit für eine Diskussionsveranstaltung zu finden.

Es ist ein ziemlich dickes Buch geworden, knapp 500 Seiten, wunderschön und liebevoll gestaltet und aus so vielen unterschiedlichen Elementen bestehend, dass es sich besser mal hier, mal dort hinein liest, als von vorne bis hinten durch. Ich kann allen, die Gefühle für ihre Kleidung haben und denen ihr eigener Style wichtiger ist als das, was uns Modemagazine versuchen zu diktieren, dieses Buch nur ans Herz legen. Es ist so subtil und klug in seinen vielen Facetten und außerdem auch manchmal super lustig und irrational.

Das wäre ein tolles Weihnachtsgeschenk für  liebste Freundinnen!