Suffizientes Bauen – was ist das?

Ich beschäftige mich seit längerem mit dem Thema Nachhaltiges Planen und Bauen im Zusammenhang mit Bauen im Bestand. Bei meiner Recherche stieß ich ab und zu auf den Begriff Suffizienz, der, meiner Meinung nach, ein wesentliches Element der Nachhaltigkeit ist. Leider ist Suffizienz nicht sehr populär, denn das bedeutet Nachdenken und das ist anstrengend. Nachdenken über sein Leben, über seine Gewohnheiten, die eigene Bequemlichkeit und die Sorglosigkeit im Umgang mit unseren Ressourcen. Im weiteren Text habe ich zusammengefasst, was zum Thema Suffizienz gerade publiziert wird.

Viel Spaß beim Nachdenken!

Effizienz ist in aller Munde. Während Effizienz und Konsistenz bereits gebräuchliche Maßnahmen beim nachhaltigen Bauen sind, hat sich die Suffizienz noch nicht etabliert. Suffizienz (lat. sufficere = ausreichen) steht für einen intelligenten und umsichtigen Einsatz der Ressourcen. Warum ist Suffizienz beim Bauen nicht populär? Weil es politisch und wirtschaftlich nicht so einfach umzusetzen ist . Effizienz ist ein Markt, es werden neue, tolle Geräte entwickelt, Baustoffe usw. Um die ehrgeizigen Klimaziele des Bundes zu erreichen, entwickelt die Industrie immer neue Technologien und Zusatzgeräte, die private Bauherren einbauen. Ob das der einzige und beste Weg für private Bauherren ist, um zu einem sparsamen Haus zu kommen, ist aber fraglich. Der tatsächliche Nutzen der teuren Anlagen wird von den meisten Bauherren gar nicht hinterfragt.

Bei der Suffizienz stehen diese Fragen im Mittelpunkt: Wie viel Nutzen brauche ich eigentlich? Wie viele Geräte brauche ich tatsächlich in meiner Wohnung? Wie viel Wohnfläche brauche ich, die dann auch beheizt und ausgestattet werden muss? Vieles, was wir kaufen und auch bauen, brauchen wir eigentlich nicht. Wir übernehmen es unreflektiert, weil andere es auch so machen, weil es Trend ist … Suffizient leben bedeutet so viel wie mit dem Nötigen auskommen. Suffizienz ist eine konsequente Fortsetzung des Nachhaltigkeitsgedankens. Suffizient bauen heißt aber nicht billig bauen, sondern bewusst und sparsam planen.

Warum braucht es mehr Suffizienz beim Bauen? Wir haben in Deutschland einen Verbrauch von etwa 70 Hektar Fläche, die täglich neu ausgewiesen wird. Jeder Neubau muss auch erschlossen werden. Das ist ein unglaublicher Aufwand, der zwar unserer Wirtschaft gut tut. Aber im Sinne von Bodenknappheit und Wohnungsnot sollte man bedenken, dass es viel Wohnraum gibt, der nicht gut ausgenutzt wird. Da könnte man einiges erreichen, indem man Menschen die Möglichkeit gibt, mehr zusammenzurücken.  Aber auch vor dem Hintergrund des demografischen Wandels sind neue Wohnkonzepte gefragt.

Die Wohnungen werden immer größer. Mehr Wohnraum kostet natürlich auch mehr, zum einen in der Herstellung, zum anderen im Betrieb: Größere Wohnflächen brauchen mehr Energie und verteuern die Unterhaltung. Beide Trends, Neubauten und größere Wohnflächen, fallen in eine Zeit steigender Preise: Bauland wird rar und deshalb immer teurer. Ebenso die Energie. Experten wissen: Würden wir nicht immer größere Autos bauen, hätten wir längst das Dreiliterauto. Die Idee lässt sich auf den Wohnungsbau übertragen: Die Lösung heißt Suffizienz.

Ein wesentlicher Ansatz ist also die Wohnflächenreduktion. Die findet sich in Gemeinschaftswohnprojekten mit geringer Privatwohnfläche, aber vielen Gemeinschaftsbereichen. Da gibt es die verschiedensten Möglichkeiten: ein gemeinsames Arbeitszimmer, ganz klassisch ist der gemeinsame Waschkeller, aber auch eine Gemeinschaftsküche und ein größerer Aufenthaltsbereich, den man mit nutzen kann und dadurch die Fläche pro Person reduziert. Und es gibt noch andere Möglichkeiten: In Amerika hat sich im Zuge der Finanzkrise eine Bewegung entwickelt, die sich Tiny-House-Movement nennt. Diese Einfamilienhäuser kommen mit sehr wenig Fläche aus und haben flexible Einbauten, Klappmöbel, verschiebbare Regale, so dass man mit wenigen Handgriffen aus dem Schlaf- ein Wohnzimmer machen kann. Außerdem ist denkbar, in einer Wohnanlage Geräte oder Autos gemeinschaftlich zu nutzen.

Kann auch alte Bausubstanz suffizient modernisiert werden? Das ist ein wichtiger Denkansatz. Gerade in Städten wie Berlin gibt es noch eine Menge ungenutzter Flächen wie nicht ausgebaute Dachstühle und alte leerstehende Gewerbeflächen, die mit der nötigen Fachkenntnis von Architekten und Haustechnikern zu Wohnflächen umgebaut werden können.

Buch

Buchcover Verbietet das Bauen

Am 24. August 2015 erschien im oekom Verlag das Buch „Verbietet das Bauen!“ von Daniel Fuhrhop. “Er vertritt die These, dass es hierzulande genug leerstehende oder unzureichend genutzte Gebäude gäbe, um den gesamten Raumbedarf aller Privatpersonen, Unternehmen und öffentlichen Einrichtungen zu decken. Sowohl auf regional- und stadtplanerischer Ebene als auch beim Einzelbauwerk ließen sich mit neuen Ideen Raumreserven aktivieren, die Abriss und Neubau überflüssig machen. Fuhrhop belässt es nicht bei theoretischen Appellen, sondern unterbreitet konkrete Vorschläge und nennt viele Einzelbeispiele, die bereits heute aufzeigen, wie wir den Gebäudebestand besser nutzen können. Die westfälische Gemeinde Hiddenhausen etwa, die mit Bevölkerungsschwund und großem Immobilienleerstand zu kämpfen hatte, zahlt seit 2007 Zuschüsse von bis zu 10000 Euro an jeden, der vor Ort einen Altbau kauft und bewohnt. Damit konnte sie die Abwanderung stoppen und wächst jetzt sogar wieder moderat – ohne Neubaugebiete. Als das Karlsruher Institut für Technologie Arbeitsraum für ca. 150 Studierende suchte, fand es ihn im Entree des Staatstheaters: Tagsüber können die Studenten dort arbeiten, abends dient er wieder als Theaterfoyer. Größere Baumaßnahmen oder Behelfscontainer erübrigten sich. Im Berliner Betahaus wiederum haben sich 200 Freiberufler auf insgesamt nur 2000 m² eingemietet. Sie buchen Raum für einen Tag oder einen Monat, für Besprechungen auch mal ein größeres Zimmer. Durch diese Flexibilität ist der Platzbedarf pro Person im Vergleich zu üblichen Bürobauten stark reduziert, was v.a. in Boomstädten dazu beitragen kann, neue »Büroparks« im Speckgürtel zu verhindern.

Manches wird den Lesern aus Veröffentlichungen in db-Metamorphose oder vom Suffizienz-Kongress der db bekannt vorkommen, dennoch lohnt sich das Buch für jeden, der sich für intelligente Umnutzungskonzepte interessiert. Auf den letzten Seiten nennt Fuhrhop für eilige Leser in einer Art Quintessenz 50 Werkzeuge, mit denen Politik, Baubehörde, Planungsbüro oder Bauernschaft das Errichten neuer Gebäude überflüssig machen können.” (Artikel von Christian Schönwetter)

Verbietet das Bauen!
Von Daniel Fuhrhop
192 Seiten, 18 Euro
oekom verlag, München 2015

Mehr zu lesen gibt es auf: http://www.verbietet-das-bauen.de.

 

Stay tuned!